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Back to your roots

Text zur Veranstaltung in der Volksbühne am 28.02 „130 Jahre Berlinisierung eines Kontinents“

Veranstaltungsplakat.Foto von Chris SchulzBACK TO YOUR ROOTS

Die Eingeborenen sind Menschen wie wir, sie haben dieselben Empfindungen wie Regungen, aber um im Bilde des Biologen zu bleiben, die Farbigen sind Zottelponies, nette Tierchen und gut zu grober Arbeit, wir aber sind das duch lange Zucht hochentwickelte Pferd edelster Rasse“

(Dr.Graf v. Pfeil, Deutsche Kolonialzeitung 1908)

 

Afrika!
Das Land der Rythmen und Tänze.
Des heissen Bluts.
Des Trockenen Klimas.
Das Land der Farben.
Das Land der Löwen.
Das Land der grossen Penisse.
Die Giraffe.Der Elefant. Der Affenbrotbaum.
Unendlicher Reichtum! Rohstoffe. Ein Land zerrüttet von Clankriegen!
Hunger. Ebola. Aids.
Zum Glück gibt es Volunteers die sich aufopfernd auf den schwarzen Kontinent wagen. wagen um zu helfen.
OOOOH ein Lobgesang auf Helfer.
Ein Gospellobgesang! Auf das Helfersyndrom!
Denn ohne. Wäre Afrika. Nicht Afrika.

Oh Deutschland. was hast du mir über Afrika erzählt…
Dass man in Afrika arm ist.
Dass man „Afrika“ mit einem langen aaa aussprechen muss.
Denn das ist exotisch.
Und Aaafrika ist exotisch.
Dass da Neger wohnen.
Und Neger hiesse nichts anderes als schwarz.
Und schwarz ist auch ein bisschen primitiv.
Aber wir, wir helfen denen.
Denn die sind primitiv.
Und die brauchen das.
Denn die sind primitiv.
Denn die sind primitiv,
Bleibt ein ewiges Mantra,

Die leben in Hütten da drüben!
Die leben den Rhythmus da drüben!
Und im Kongo spielt man Bongo,
Man trägt nen Bast-rock und
das Wetter ist krass trocken,
alle machen Vodoo
die Stämme heissen Zulu
„Hallo“ das heisst „Jambo“- gibt es da Bambus?
Nein, das war Asien,
Afrika? Ist Safari,
ist Massa-i,
Afrika ist Klankrieg,
ist Chaos, ist wild.
Ein bunt-trauriges Bild
Kein Futter, Kein Wasser,
aber Hakunamatata

Einmal frug mich ein dicker älterer Mann mit Schnauzbart, wo ich denn herkäme. Er hörte gar nicht hin und erzählte mir dann, er sei auch mal auf dem Kilimanjaro gewesen. Er ging davon aus, ich käme aus Afrika. und der Kilimanjaro ist ja auch in Afrika. Dann erzählte er mir von dem einen Moment, an dem er sich gefühlt hatte, wie ich. In der Bronx. Er kannte da einen Schwarzen. [spricht in Dialekt:] „De Dschohnn. Oliever Gott, des war en Schrank von nem Mann. Und alles Schwazze um mich herum, a bissl Angscht hab ich scho ghabt, zum Glück war de Dschohnn be mir, de war n Kopf grösser als die andere Schwazze. Zum Glück war ich mit dem Dschohnn befreundet, de hat misch vo de andere Schwazze beschützt.“ Und dann erzählte er mir, dass er auch eine Freundin gehabt habe als er auf Safari in Kenia gewesen sei. Bildhübsch sei sie gewesen, wie ich. Eine richtige Massaibraut, wie ich. Und Brüste wie Kokosnüsse. „Isch hab des ja gernn, des wilde, des ursprünglische, natürlische raaaw.“
Dann erzählte er mir noch stolz wie Oskar wie er einmal paar Scheine in viele Münzen umgewandelt hatte und als die Kinder zu ihm kamen und „reicher Weisser Mann“ schrien, die Münzen in die Luft geworfen   habe und die Kinder hätten gekreischt und gelacht, glücklich seien sie gewesen, wie sonst kaum, im Geldregen und sie sind um ihn rumgekrochen um das Geld aufzuheben. „Isch mein des warn umgrechnet vielleicht zwei Euro. Des isch ja nix für misch, aber die ham sisch gfreit, da fühlt ma sisch halt dann gleisch bessa, wemmer denne so leischt helfe kann.“ Und dann erzählte er mir von den Tänzen, und erzählte mir von den Farben, und von der Korruption. Und dann erzählte er mir, er kenne sich aus in Afrika, er sei ja auch schon auf dem Kilimanjaro gewesen. Und dann erzählte er mir von den wilden Tieren und den wilden Menschen. Und dann von den schönen Frauen. und dann von den armen Kindern. Und dann vom Kilimanjaro und dann wie sehr ihn Afrika berührt hätte. Und dann, dass sein Lieblingslied „Africa“ von Toto sei. Und dann fragte er, wo ich denn herkäme. Denn er sei ja auch schon auf dem Kilimanjaro gewesen.
Man sieht, es war ein sehr langes Gespräch, denn nachdem er mir seine fünf Erlebnisse geschildert hatte, in denen er in seinem erfahreneren Leben auf Schwarze getroffen ist, musste ich ihm natürlich auch die paar Zusammentreffen mit Weissen erzählen, die ich in meinem Leben hatte. Vom Thomas zum Beispiel, der mich so cool fand. Und sagte „du bist so cool, darf ich mal deine Haare anfassen?“. Und wie er mir, als wir uns verabschiedeten seine Faust hinstreckte und sagte „Tschüss, Sister“ und ich die Faust erwiderte, ich mein für mich war ja nix aber es hat trotzdem gut getan ihm den Umgang mit Schwarzen so leicht zu machen und zu sehen, wie er sich gefreut hat.

Manchmal fühlt es sich an, als hätten alle Menschen um mich herum im Kindergarten das selbe Kinderbuch über Afrika vorgelesen bekommen…:

Guck! Das ist ein Löwe. Raaaaar. wie macht der Löwe?

raaaaar!

Richtig! Und das…ist ein Elefant: wie macht der Elefant?

Törööööööö!

Richtig! Und das ist ein Afrikaner! Wie macht der Afrikaner?

Lulululululululluluulu!

Nein. Das waren die Indianer. Wie machen die Afrikaner?

[schnalz]
Richtig! Gut gemacht. Und jetzt, sprich mir nach:

Die armen beschnittenen Frauen!
Die armen hungernden Kinder!
Die armen schiessenden Kindersoldaten!
Die armen Aids-kranken Männer!
Die armen Aids-kranken Frauen,
die von ihren wilden Männern vergewaltigt wurden!
Die armen Fledermäuse, die da gegessen werden!
Das arme Afrika.
Die Kinder in Afrika sind glücklich, obwohl sie nichts zu essen haben!
Die Kinder in Afrika freuen sich, wenn wir unser essen brav aufessen
Und wir können uns glücklich schätzen,
dass wir hier sind. Und nicht da.

Ich mein, ich mag das ja das wilde ursprüngliche natürliche, aber damit baut man halt auch keine Autos. Ich mein, das ist schon auch Hochkultur was wir hier haben, da kommen die vielleicht in ein paar Jahren erst noch hin. Zum Auto bauen zum Beispiel braucht man Expertise! Knowhow! Präzision! Alles deutschen Tugenden!…..und Rohstoffe..
Rohstoffe gibt es wiederum wieder, manchmal in Afrika.
Wir helfen denen.., und dafür, kriegen wir halt Rohstoffe.
Wir können damit ja auch umgehen.
Das ist ja das schöne an der freien Marktwirtschaft: Man hilft sich gegenseitig!
Und obwohl wir denen da drüben helfen, fliehen die alle hierher!
Das versteh ich nicht. Wahrscheinlich, um Weihnachten zu feiern. Denn in Afrika wissen sie manchmal nichteinmal, dass Weihnachten ist.
„doo they knooooowhoooo? Do they know it’s Christmas time..?.“

Und irgendwann. Wenn sie aufhören da drüben, sich die Köpfe einzuschlagen, wie auch wir im Mittelalter damit aufgehört haben, dann geht es auch da bergauf.

Was mir Deutschland nicht erzählt hat? Die Geschichte mit den Kolonien..wie war das nochmal genau? Genau weiss ich das leider selbst nicht, kam ja in der Schule nich dran.

Einmal traf ich eine Oma. Es war Sommer. Es war heiss. Sie smalltalkte mit mir über das Wetter, wie das Omas so machen. sie jammerte über die Hitze, schaute mich an und sagte: „Aber Sie, Sie sind das ja sicher schon gewohnt, die Hitze nicht war?
Ja. Ich bin die Hitze gewohnt.
Und auch das Bild von Afrika.
Deutschland ist seit jeher innovativ. Stark! eine produktive Nation.
Produktiv in den Bildern die es kreiert und reproduziert vom primitiven Anders.
Und stark in Entwicklungshilfe, die zum Glück entwickelt.
Und Volunteers! Ein Hoch auf die Volunteers!
Kolonien? Haben wir nicht mehr. Aber Neger. die gibt es noch.
In unseren Köpfen. nämlich.
Vielleicht brauchen wir dazu hier ja Missionare, Entwicklungshelfer, und Geduld.
Vielleicht sind wir ja dann irgendwann so weit..

 

 

Foto von Chris Schulz

Foto von Chris Schulz

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